Aufgaben der Psychoonkologie

Einer der Grundgedanken ist, dass seelische Faktoren mit zum Ausbruch der Krebs-Erkrankung geführt haben. Es gilt, diese Ursachen aufzudecken und die Voraussetzung für die Heilung zu schaffen. Weitere Aufgaben sind die Verarbeitung der Krankheit selbst bzw. deren Folgen (z.B. Schmerzen oder Partnerschaftsprobleme).

Das Spektrum der angewandten Methoden beinhaltet

  • Gesprächstherapie,
  • Verhaltenstherapie,
  • Autogenes Training,
  • Muskel- Relaxation nach Jacobson,
  • Visualisierung nach Simonton u.a..

Am häufigsten finden in der Onkologie Entspannungsverfahren Anwendung. Es gibt ein breites Spektrum an Angeboten, von westlichen Methoden wie oben genannt bis fernöstlichen wie Joga oder Meditation.

Eine Studie mit Patientinnen, die unter einem metastasierenden Mamma- Ca. litten, ergab, dass Frauen, die zusätzlich an psychotherapeutischen Maßnahmen teilgenommen hatten, im Mittel doppelt so lange lebten wie Patientinnen ohne Psychotherapie. (Grossarth-Maticek, R. et al.: In: Steptoe, A., Mathews, A. (Eds.): Healthcare and Human Behaviour. Academic Press, London 1984, 325 )

Stress

Erkenntnisse aus der Neuro-Endokrinologie legen nahe, dass z.B. Stress das Immunsystem unterdrückt. Insbesondere konnte bei Tumor-Patienten, die erhebliche funktionelle Defizite in der Killerzellen-Population aufwiesen, ein Anstieg der Killerzell-Aktivität nach einem Entspannungstraining festgestellt werden (Giraldi T. et al., Stress and Tumor-Metastasis, Psycho-Onkology Letters 1990(1) 34 – 46).

Spiritualität

Nur wenig erforscht ist der Einfluß der Spiritualität auf die Krebserkrankung. Die Fälle mit ungewöhnlich günstigem Krankheitsverlauf (im Volksmund „Wunderheilung“), die bekannt sind, weisen einige Gemeinsamkeiten auf. Entweder waren diese Patienten gläubig im klassischen Sinne oder es bestand eine unerschütterliche Partnerschaft bzw. Familienbeziehung.

Altes Wissen neu „entdeckt“

Erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde auf wissenschaftliche Weise nachgewiesen, was alte Weisheitslehren, aber auch Psychologen schon lange wußten: es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Körper und Seele. Diese neue Wissenschaftsrichtung wurde Psychoneuroendokrinologie genannt, was den Zusammenhang zwischen Seele- Nerven und Drüsen artikuliert. Die besondere Erkenntnis hieraus war, dass Stress die Produktion von immunregulierenden Zellen verringern kann.

Zusammenhänge zwischen einem entspannten und ausbalancierten Leben und körperlicher Gesundheit wurden natürlich schon tausende Jahre vorher beschrieben. Die Chinesen nennen das die Harmonie von Yin und Yang, im Tai-Chi-Symbol auch im Westen geläufig.

Die Hauptaufgabe der Psychoonkologie ist damit natürlich schon grob beschrieben. Wir haben mit unseren Patienten herauszufinden, was zu einer Dysbalance im Alltag geführt hat, was die eigenen Anteile dabei waren und was kann zukünftig anders gemacht werden.

 

Habe ich Schuld an meiner Krankheit?

Ja und nein. Natürlich gab es Signale des Körpers, der deutlich kund tat, dass es so nicht weitergehen kann, eine Veränderung sollte geschehen. Aber es gab genauso viele gute Gründe, um nichts zu verändern und am Alten festzuhalten. Hätten wir in die Zukunft schauen können, hätten wir gesehen, dass plötzlich mit einer gefährlichen Erkrankung Entscheidungen schneller fallen und Veränderungen auf einmal viel leichter ermöglicht werden, dann hätten wir uns vielleicht viel früher entschieden. Aber wir können das nicht. Wir haben keine Zukunftssicht. Wir können rückblickend auf unsere Fehler schauen und daraus lernen für die Zukunft. Es bringt auch nichts, dem Menschen der wir waren Vorwürfe zu machen. Das hindert nur den Genesungsprozess. Also Schuld entsteht nur, wenn wir es jetzt besser wissen und trotzdem so weiter machen würden wie zuvor.

 

Chance zur Veränderung

Jetzt sollte also alles dazu getan werden, um die alten Fehler nicht wieder neu zu begehen. Es gilt mit Hilfe des Psychoonkologen genau hin zu schauen, welche Muster ich an den Tag legte, um meiner Intuition nicht zu folgen. Wo sind meine vermeintlichen Abhängigkeiten, auch Co-Abhängigkeiten. Die Organsprache und die Deutung der genauen Krankheitsprozesse können dabei eine große Hilfe sein. Jeder Mensch entwickelt zu seinen Symptomen eine eigene Sprache. Schlüsselwörter können uns den Weg weisen in die zugrunde liegenden Lebensannahmen. Die idiolektische Therapie hat hierzu wichtige Ansätze gefunden, um den Patienten hierbei zu unterstützen. Ein achtsamer Therapeut hört also genau auf die sprachlichen Formulierungen, die der Patient bei der Schilderung seiner Symptome benutzt. Aus den Bildern die dabei entstehen können wichtige Hinweise für die seelische Weiterentwicklung gezogen werden.

 

Erkenntnisse der Salutogenese

Salus, das Heil, und Genesis, die Schöpfung, finden in dieser Forschungsrichtung ihre Basis. Woraus schöpft sich Heil? Aaron Antonovsky und Victor Frankl haben sich sehr intensiv diesen Themen gestellt. Für Antonovsky waren die drei Parameter Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit dafür ausschlaggebend, ob ein Mensch wieder zur Heilung findet oder nicht. Sind alle drei bei einem Menschen in seiner Betrachtung auf den eigenen Krankheitsprozess zu finden, so kann daraus ein Genesungsprozess werden, aus der Pathogenese wird die Salutogenese. Bei der Vermittlung der Verstehbarkeit einer Krankheit haben wir in den vorigen Abschnitten schon einige Ausschnitte gelesen. Das Verstehen, was ich dazu beigetragen haben, dass es so kommen konnte, aber auch eine weiter Sicht, dass Krankheit auch etwas Positives in mein Leben bringen kann, trotz aller Schwere, kann ein erster wichtiger Schritt zur Heilung sein.

Im zweiten Schritt geht es um den Umgang mit der Erkrankung, die Handhabbarkeit. Verleugne ich, oder akzeptiere ich sie. Kann ich mich im Moment, so wie ich bin, annehmen? Habe ich einen Weg gefunden, wie ich meine Genesung unterstütze? Wichtige Fragen um das Handling mit der Krankheit zu verbessern. Hier hat der Psychoonkologe eine wichtige Aufgabe, nämlich auch alternative Wegen, oft begleitend zur schulmedizinischen Behandlung aufzuzeigen, um damit aus dem Gefühl der Ohnmacht allmählich herauszuhelfen und eine Handhabe anzubieten.

Victor Frankl war ein besonderer Vertreter der Sinnhaftigkeit im Leben. Dieser dritte Punkt ist auch für den Psychoonkologen ein wesentliches Moment in der Therapie. Frankl, der das Konzentrationslager überlebte, hat einmal gesagt, dass jeder sein persönliches Auschwitz erlebe. Hier stellt sich die Frage, wie geht es nach einem solchen Erlebnis innerlich weiter? Gehen wir aufgrund einer gefühlten Sinnlosigkeit zu Grunde, oder können wir für den heutigen Tag, immer wieder neu, eine Sinn für unser Dasein finden.

Wenn wir es als Therapeut schaffen mit unserem Patienten zusammen dessen persönlichen Sinn für sein Überleben zu finden, dann haben wir einen Meilenstein zur Genesung gefunden. Es kann dann zwar immer noch sein, dass ein Patient nicht mehr lange zu leben hat, aber in dieser Zeit können immer noch sinnhafte Momente und Begegnungen zustande kommen, die das Leben reich werden lassen.

 

Mut zur Begegnung mit der Endlichkeit

In der alten Weisheit „wer nicht stirbt bevor erst stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt“ liegt auch für das Gebiet der Psychoonkologie eine große Herausforderung. Inwieweit unterstütze ich meinen Patienten in der Hoffnung auf Genesung und wann wird es Zeit sich auf den Tod vorzubereiten? Ich löse für mich diesen Zwiespalt dadurch, dass ich diese Auseinandersetzung mit dem Tod zu einem normalen Lebensthema mache. Ganz im Sinne des o.g. Spruches erachte ich dieses Thema auch für Gesunde Menschen für unvermeidlich. Wie schnell kann es passieren, dass wir durch einen Unfall aus dem Leben gerissen werden. Haben wir dann noch Chancen uns mit der Endlichkeit zu beschäftigen, nein! Also beginnen wir einen Rucksack zu packen, der nur für die letzte Reise gedacht ist. In diesen Rucksack kommen solche Dinge wie Testament, Patientenverfügung, Betreuungsverfügung, Versicherungspolicen, Angaben wie ich meine Beerdigung wünsche, was auf meinem Grabstein steht und das schwierigste Element: Abschiedsbriefe an die Menschen, die mir wichtig und lieb sind. Gerade diese sind es, die meinen Lieben eine Wegweisung und Trost sein können. Solche Briefe zu schreiben fällt zwar sehr schwer, erleichtert aber ungemein, wenn der Rucksack dann gut gepackt in die Ecke gestellt werden kann und dort noch eine gute Weile zustauben kann.

Genau dieses Bild kann ich auch mit meinen Palliativpatienten benutzen. Wir wissen nicht wie lange wir zu leben haben. Wir können allerdings unser Leben bereichern, indem wir uns konstruktiv mit dem Tod auseinandersetzen. Natürlich gehören für diese letzte Reise auch Landkarten für die Nachtodwelt. Viele Religionen haben solche Landkarten. Es gibt auch sehr gute Bücher darüber, z.B. von Elisabeth Kübler-Ross. Erst wenn wir auch darüber eine plausible Vorstellung gefunden haben, kann der Rucksack gut zugeschnürt werden.

Die ewigen Fragen, die jeder Krebspatient sich stellt, wie lange habe ich wohl noch, können mit dem Rucksackpacken eine gute Antwort bekommen: Ich weiß nicht wie lange ich noch habe, aber ich bin für den Fall der Fälle gut vorbereitet.